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Monday, 06 September 2010
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Wien ist doppelt PDF Print E-mail
Written by Maryana Boryk   
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Ich weiß nicht, ob ein Mensch aus dem echten Europa verstehen kann, was Europa für einen Menschen aus der Ex-UdSSR bedeutet. Mit dem Wort „Europa“ bezeichnet man bei uns etwas Süßes, fast Kitschiges, etwas in Wirklichkeit Nichtexistierendes. „Europa“ war die globalste Imagination unserer Gesellschaft. Dieses Territorium gab es auf keiner Karte, die wir hier Europa nannten. Europa war eher eine Gesellschaft, wo alles besser war, einer Art selbstausgedachte Utopie.

Das Traumland war nie zu besuchen, aber ich, ein Glückskind, gehöre zur Minderheit der Schüler, denen Europa gezeigt wurde. Meine erste Reise „hinter die Grenze“ war eine Reise nach Wien im Jahr 2000. Als zum ersten Mal in meinem Leben die ukrainische Grenze hinter dem Berg war, und ich mit großen Augen ungarische Wälder beobachtete, klopfte ein ungarischer Räuber mit einem Maschinengewehr an die gläserne Bustür, ging dann durch den Bus um zu sehen, dass drinnen wirklich nur Kinder im Alter von 13 sind und es ihm und seinen 3 Kommilitonen nicht gelingt, sich hier das Brot zu verdienen. Damals erlebte ich das Ganze wie eine erste Phase der Reise ins Ausland.

Seit dieser Zeit bin ich viel gereist, habe Wien dreimal besucht und jedes Mal verschieden erlebt. Aber aus einem unverständlichen Grund ist Österreich für mich etwas Superbesonderesbesonderes. Vielleicht wegen dem erwähnten „ersten Mal“ oder wegen der Windkraftwerke, die man unwillkürlich bei der Einfahrt nach Wien beobachtet, oder wegen der Luft in Wien, ja, ich glaube wegen der Luft. Sie müssen mir nicht glauben, aber die Luft in Wien ist anders, als hier in Lemberg oder woanders. In Wien riecht die Luft nach Donau, aber nicht so, wie in Budapest. In Wien riecht die Luft nach Donau in den Steinen der Häuser, aber so als hätte man die Steine imprägniert. Diese Imprägnation macht die Luft nicht schwül, sie macht die Luft zweifach wärmer - auf Ebene der Temperatur und Ebene der Gefühle. Deswegen ist für mich Wien immer feucht und warm, denn ich habe Wien nie bei Hitze oder Frost erlebt. Wien ist die einzige Stadt, wohin ich wirklich gerne aus Lemberg umziehen würde, weil Wien eine besondere Fähigkeit besitzt - Wien ist doppelt. Wien ist Hauptstadt und Dorf, Wien ist Palast und Hüte, Wien ist identitätslöschend und identitätsschaffend. Wien ist auf eine ganz komische Weise groß und gemütlich, man kann sich dort verlieren und Unterkunft finden. Wien ist ehrlich mit dir. Wenn du es liebst, dann gibt es dir auch gute Menschen.

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Maryana Boryk lebt in Lemberg und studiert dort Germanistik an der Ivan Franko Nationaluniversität. Im Dezember 2005 nahm sie am österreichisch-ukrainischen Kulturaustausch in Lemberg teil (Details).

 

 

 

 
 

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Instituts für Kulturpsychologie und qualitative Sozialforschung