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Monday, 06 September 2010
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Kultur und Spiel PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von Christoph Alten   
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Zur Analyse zeitgenössischer Lebensformen –
Paolo Virno und Johan Huizinga – ein synoptischer Versuch.

Johan Huizinga, ein niederländischer Kulturwissenschaftler, stellt in seinem 1938 erschienen Werk ‘Homo ludens’ die Verflochtenheit von Kultur und Spiel vor. Dieser Autor behauptet sogar, dass menschliche Kultur im Spiel - als Spiel - aufkommt und sich entfaltet. Folgt man Huizingas These gedanklich und beobachtet fast 70 Jahre nach Erscheinung seines Werkes die kulturelle Landschaft im Augenwinkel der Globalisierung, so sind unsere gewohnten Alltäglichkeiten im Netzwerk des spielerischen Ausdrucks eingebettet und Huizingas These bestätigt sich von neuem.

Im Zusammenhang einer politischen Diskussion, so sind wir es gewohnt das Spiel mitsamt seinen Assoziation wie Spaß, Nicht - Ernst, Infantiles und Freizeit weitgehend auszuklammern. Es sei denn, man fühle sich - wie so oft dazu genötigt, das Politische insgesamt als Theater, Falschspielerei und Clownerie zu bezeichnen. Ich behaupte, dass dieses aus dem Spiel und Schauspiel stammende Vokabular nicht zufällig und nicht zweckentfremdet für das Politische eingesetzt wird. Die Aufgabe dieses Textes soll es nun sein, die Zusammenhänge von Spiel und Politik als Ort der Vielen und der Individuation im Kontext der von Paolo Virno theoretisierten ‘Grammatik der Multitude’ nachzuzeichnen, um einerseits Virnos Theorien zu verstärken und um andererseits die Problematiken des Politischen und ihr immer sich wiederholender Versuch der selbstreflexiven Abgrenzung aus dem Alltäglichen sichtbar werden zu lassen.

Um die Formen oder genauer gesagt die Struktur des Spiels untersuchen zu können, bieten sich nach Huizinga mehrere Parameter an. Der Kultus, das Ritual, die Beobachtung spielender Kinder, der Wettstreit, die Ästhetik, die Kunst usw. Zusammenfassend handelt es sich um „außeralltägliche“ Formen, die eine Abständigkeit zu „normalen lebensweltlichen Bezugspunkten“ darstellen. Jedoch muss diese festgestellte „Außeralltäglichkeit“ des Spiels, um der Haupt - These Huizingas, die besagt: Kultur entstehe in Form von Spiel – mit dem Alltag (normaler lebensweltlicher Bezugspunkt) in Zusammenhang gebracht werden. Wo bleiben also die Verbindungen zum alltäglichen Leben, wo die Querungen, Kreuzungen - sonst hat ja niemand etwas von der im Spiel gewonnenen Kultur.

Um diese Frage zu beantworten, ist es interessant, dass man sich mit seinen Gedanken nicht weit vom Spiel entfernen muss. Denn das Spiel selbst ist es, welches die Verbindung herstellt. Eine Schlussfolgerung aus diesen Gedanken könnte lauten: Es gibt keine Zwei-Welten Theorie. Eine „normale“ alltägliche Welt – und eine künstliche „gespielte“ (außeralltägliche) Welt. Es gibt nicht auf der einen Seite eine „normale“ natürliche Welt, die der Kausalität oder dem Zufall entspricht und eine gekünstelte Welt – die der Phantasie oder der Vernunft entspreche. Spiel als selbstständige Kategorie – subsumiert diese zwei Weltentheorien zu einer. Sie verbindet Materialität und Geist, ohne auf eine der beiden Kategorien verzichten zu können.

Denn wer könne schon behaupten wann ein Spiel anfängt und wann es aufhört. Ich bin mir durchaus der Sachlage bewusst, dass ich mit dieser Analyse etwas radikaler als Huizinga die Eigenart des Spiels benenne und bin mir bewusst, dass ich dem Gedanken, von dem Huizinga immer wieder warnt, Alles ist Spiel, sehr nahe gekommen bin. Doch soll auch dieser radikale Gedanke, ein Denkanstoss für die Vielschichtigkeit des Phänomens Spiel beinhalten.

Aber mit dieser Formulierung bin nicht weit von Virnos Textabschnitt‚Öffentlichsein ohne Öffentlichkeit’ aus seinem Buch „Grammatik der Multitude“. Hier geht es um die Realisierung von Begriffen, die ein Ausdruck der Vielen sind. In diesem Verständnis soll und wird die These: „Alles ist Spiel“ keine metaphysische Ordnung beinhalten, soll nicht hierarchisieren, soll auch nicht im Widerspruch zur Individualität stehen. Vielmehr drückt es ein anderes Konzept der „Teilhabe“ aus. Eine Teilhabe die den Mut hat, ein Zugeständnis zu machen, in dem sie ein Allgemeines (Alles ist Spiel) in die Zugehörigkeit der lebensweltlichen Umstände bringt. Dieses Allgemeine ist für Virno unumgänglich für die Bestimmung der Multitude.

Denn mit dieser These wehrt sich Virno gegen eine klassische Aufteilung des sozialen Lebens. Als Beispiel greift er auf eines von Aristoteles zurück, das nach seiner Ansicht bis heute seine Gültigkeit beansprucht. Demnach sind wir es gewohnt in Arbeit, Handeln und dem Intellekt streng zu unterscheiden. Der entscheidende Punkt ist, dass Virno nicht die Möglichkeit der Differenzierung kritisiert, sondern die Übertragung der Differenzierung auf die Bestimmung von Menschen und ihren Berufen (er spricht von Produktionsbedingungen). Demnach würde eine Einteilung der Gesellschaft erfolgen, die auf kein Allgemeines zurückgreifen kann. Und dies ist genau gegenteilig zur gegenwärtigen Stimmung der zeitgenössischen Multitude, die die Konsequenzen der klassischen Aufteilung in ihrem Bewusstsein überwunden habe, so Virno.

Das Spiel und seine Auffassung deckt sich in wesentlichen Punkten mit der Bestimmung der Vielen (der Multitude). Es ist weder öffentlich noch privat. Weder kollektiv noch individuell. Es integriert Arbeit, Handeln und den Intellekt in Einem. Es ist alles gemeinsam.

In vielfacher Weise wird das Spiel im „normalen“ Verständnis als Schattenseite, als Nebensächlichkeit des Lebens behandelt, obwohl es handlungstheoretisch und in seiner sozialen Gewichtung enormen Ausdruck beansprucht. (Wäre dem nicht so, Huizinga hätte seinen homo ludens nicht entwerfen können.) Ich möchte die Gemeinsamkeit des Spiels mit der Multitude als Ort der Vielen, ihr Anspruch auf ein Allgemeines um eine weitere Konzeption Virnos erweitern. Diese soll die Frage der Individuation unter den Vorzeichen des zuvor bestimmten Allgemeinen erörtern.

Versuchen Sie sich (liebe Leser) vorzustellen, zwei oder drei Spieler spielen ein Spiel. Egal ob es sich um ein Internetspiel, ein Brettspiel oder ein Ballspiel handelt. Was passiert mit diesen Individuen? Die klassische Theorie oder diejenige Theorie die man für gewöhnlich dem Hausverstand zuschreibt behauptet, dass Individuen die sich in einer Menge befinden, etwas von ihrer Individualität einbüßen. Dass hieße in Berücksichtigung auf unser Spiel - Beispiel, alle sich im Spiel befi ndlichen Akteure sind (im schlimmsten Fall) keine Individuen mehr, sondern bloß Ausführende einer dem jeweiligen Spiel behafteten Regel. Adepten eines Systems, auf das sie selbst keinen weder in der Vergangenheit, in der Gegenwart oder in der Zukunft des Spiels, Einfl uss haben können. Den „Spiel – Regeln“ würde in dieser Interpretation eine 1. repräsentative sowie 2. autoritäre Bevorzugung zugestanden, die keine Rücksicht auf Individuen und zu dem noch eine funktionalistische Ansicht vertritt, die dem Phänomen des Spiels (also dem Allgemeinen) nicht gerecht wird. Natürlich wird es im Spiel oder im Zusammenleben von Menschen immer Regeln geben, sie scheinen auch notwendig zu sein, doch ist selten wer in der Lage eine andere, als die zuvor genannte Perspektive der Regel zu beschreiben.

Virno schlägt unter Mithilfe eines zumeist wenig gelesenen französischen Philosophen - Gilbert Simondon eine neue Lesart des Kollektivs vor, die wie schon angekündigt in Verbindung mit der Individuation – also mit dem Individuum im Konkreten steht. Sie besagt: „Das Kollektiv beschädigt und schmälert die Individuation nicht, sondern führt sie fort und verstärkt sie maßlos“. Niemand verzichtet im Kollektiv auf seine individuellen Züge. „Wir stimmen uns in der Gruppe auf andere an.“ (Virno, S. 108)

Wenn man so wie Virno das Kollektiv auch als anonyme Macht beschreibt, so kann auch eine Übersetzung der anonymen Macht zur Regel geleistet werden. Die Regel welche wir für unser Spiele Beispiel herangezogen haben. Und wir sind in der Lage, mit dem Wissen von Virno und Simondon die Regel neu zu bestimmen. Also im Zusammenhang von Regeln verfeinert sich das Individuelle. Daraus folgernd bedeutet Individuation immer eine Verbindung zwischen Einzelnen mit einer Form eines Regelwerks.

Das Innovative und kompromisslose an dieser Theorie ist es, dass ein Individuum in Zusammenhang mit anderen Individuen nichts von seiner Individualität einbüßen muss. Erst mit dieser Theorie kann Individualität und Gesellschaft in einen logischen Kontext gebracht werden, in dem der Einzelne und die Vielen im Konkreten zu Berührungspunkten fähig sind. Keine der uns bekannten politischen Formen, kann dieser Theorie entsprechen. Sie schaffen es nicht die Tragweite des Einzelnen im Aspekt der Vielen vollständig zu erfassen und Repräsentation und Delegation wären nach Virno die Folge.

Ich habe in meinem Vorwort einen unverwechselbaren Zusammenhang zwischen den Aspekten des Spiels und der Politik erwähnt. Das wissen nicht nur Regisseure, Kabarettisten, Autoren oder Journalisten. Sondern ebenfalls ihr Publikum – ihre Leserschaft. Ein reichhaltiges eigentlich spezifi sches Vokabular wandert so von einer Seite zur anderen. Das Spiel wird zur Politik und die Politik zum Spiel. Die Grenzen scheinen wenig sichtbar zu sein. Sie fl ießen ineinander. Das auf der einen Seite Schauspieler oder Protagonisten eines Werkes uns politische Kontexte vorführen und auf der anderen Seite Repräsentanten einer politischen Parteizugehörigkeit scheint eher von weniger Bedeutung zu sein. In diesem Sinne möchte ich auf ein kürzlich erschienenes Online Spiel „Power of Politics" aufmerksam machen, in dem man als Vorsitzender einer Partei die Gunst von „realen“ Wählern auf „realer“ Bezirks-, Landes- und Bundes-Ebene erwerben muss. Die Unterscheidbarkeit zwischen Spiel und Nicht-Spiel koppelt sich damit zu einer ernsten Infragestellung des politischen Systems sowie einer Infragestellung zu unserem gängigen Verständnis von Spielen.

Was im Besonderen aus dieser Konstellation Politik und Spiel herauslesbar ist, ist die Ansicht dass Politik ihren Charakter der Besonderheit und der Außeralltäglichkeit verliert. Und damit in einem gehobenen Maß in ihren Ordnungsprinzipien und dichten Verwaltungsstrukturen schwindet. Das Politische kann sich damit in seiner Aktualität bewusst werden.

Literaturangaben:
Huizinga, Johan. HOMO LUDENS. Vom Ursprung der Kultur im Spiel. Reinbeck bei Hamburg: Rowohlt Verlag, 19. Auflage, 2004 (Details und Bestellung)

Virno, Paolo. GRAMMATIK DER MULTITUDE. Mit einem Anhang: Die Engel und der General Intellect. Wien: Turia + Kant, 2005

www.powerofpolitics.com, 10. September 2006


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Christoph Alten studiert Philosophie an der Universität Wien. Sein vorliegender Text erschien in der Ersten Ausgabe des Online-Magazins "Superfluence" (superfluence.com), welche sich dem Thema "Multitude" widmete.

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