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06. Sep. 2010
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Kulturforschung als Kindermdchen PDF Надрукувати Надіслати електронною поштою
Field Reports arrow Vienna 2005/06

Ein ungewöhnlicher Feldzugang zum Mitarbeiternetzwerk eines großen österreichischen Telekommunikations-Unternehmens

Als wir zu Beginn des Semesters die Aufgabenstellung bekamen einen Feldzugang zu einer Kultur zu finden, zu der wir bis dato keinen Zugang hatten, kamen mir einige Gespräche mit meiner Bekannten Miriam in den Sinn. In unseren Gesprächen fiel mir immer wieder ihre Begeisterung für das Unternehmen Mobilion (Anm.: sämtliche Namen geändert) auf. Miriam und ihr Ehemann Karl waren dort in der Personalabteilung für Rekruting angestellt. Mich faszinierte ihre Identifikation mit dem Unternehmen und ich nahm die Aufgabenstellung des Proseminars als Auslöser dafür, mehr darüber in Erfahrung zu bringen. Ich fand meinen Zugang zu Mitarbeitern von Mobilion über das Hüten von Kindern, deren Eltern bei Mobilion angestellt waren.

Ich bin eine 22jährige Psychologiestudentin. Meine bisherige Berufserfahrung in Betrieben habe ich im Gastgewerbe gesammelt. Ich habe keine Ausbildung in diesem Bereich – es hat mich also weniger das Interesse dorthin geführt als meine Geldnot. Identifikation mit dem Betrieb kam mir nie in den Sinn, waren diese Betriebe meiner Meinung nach weniger für den Arbeitnehmer aufgebaut als mehr für den Gast, bzw. für den Profit, den das Unternehmen durch den Gast einnehmen sollte. Diese schlechten Arbeitsbedingungen in großen Betrieben haben mich mit der Zeit immer mehr abgeschreckt. Was ich aber von meiner Bekannten mitbekam waren sie und Karl ziemlich überzeugt von ihrer Firma. Ich hatte selbst keine Vorerfahrungen mit Mobilion, mich hatte der Betrieb aber bald fasziniert- weniger des Tätigkeitsbereiches wegen, als vielmehr dieser Zusammenhalt, die Identifikation mit dem Unternehmen, dem Netzwerk das sich unter den Mitarbeitern ausgebreitet hat. Das hatte mein Interesse geweckt. Ich wollte mehr über diese Begeisterung in Erfahrung bringen und möglicherweise herausfinden, woher sie kommt.

Aus Miriams Erzählungen erfuhr ich, dass zwei ihrer Freundinnen- auch bei Mobilion angestellt- gerade in Karenz waren und unter Umständen ab und zu eine Babysitterin suchten. Ich entschied mich die zwei kennen zulernen und wenn möglich über die Funktion als Kindermädchen mehr über diesen Zusammenhalt bei Mobilion herauszufinden. Es waren zwei 32jährige Mütter, Lisa mit 2 Töchtern, 3 und 1, Angestellte im PR-Bereich und Ingrid mit einer Tochter, 0;7, angestellt im Rekruting- Bereich. Lisas Partner Christian war bei Mobilion Industries tätig.

Meine Bekannte hatte mich ihnen als Babysitterin vorgeschlagen und lud mich zu einem Treffen mit ihren Freundinnen ein, damit wir uns kennen lernen konnten. Nach diesem ersten Treffen kam es ziemlich schnell zu meinem ersten Einsatz als Babysitterin. Lisa beanspruchte mich schnell intensiv um ihre Diplomarbeit fertig zu schreiben. Bei Ingrid sah ich nicht so schnell so intensiv nach dem Kind aber doch ein paar Mal.

Ich wurde bei Lisa und Christian sehr freundlich empfangen. Die Situation war für mich anfangs recht gewöhnungsbedürftig. Ich kam mir wie ein Eindringling vor. Lisa und Christian vertrauten mir ihre Kinder an und überließen mir die Wohnung. Zu meiner Verwunderung stellte es für die Kinder kein Problem dar, mit mir plötzlich so viel Zeit zu verbringen obwohl sie vorher weder einen anderen Babysitter hatten, noch in den Kindergarten gingen. Bei Ingrid benötigte das Kind mehr die Zeit um sich an mich und die neue Situation zu gewöhnen. Ich verbrachte recht viel Zeit gemeinsam mit der Mutter und dem Kind.

Ich übernahm eine große Verantwortung für die Familien und es blieb der Kontakt zu den Eltern nicht aus. Sie waren sehr interessiert daran was ich studierte oder wie ich wohnte. Durch die Zeit die wir durch die Kinder miteinander verbrachten- mit Lisa und Christian ebenso wie mit Ingrid- kam es zu vielen Gesprächen zwischen uns. Die Gesprächsthemen liefen mit der Zeit über die Kinder hinaus. Ich wurde freundlich in die Familien aufgenommen. Es ergab sich eine rasche Entwicklung in unserer Beziehung. In der recht kurzen Zeit in der sich das alles abspielte kannte ich bald die Freundeskreise, die Großeltern, erfuhr von den Shoppingtouren, vom Morgensport und bekam die Stimmungslage in der Familie mit. Aus Babysitten wurde ein kennen Lernen und Mitleben in einer Familienstruktur. Ich bekam immer mehr mit aus dem Leben der zwei Familien und ich selbst gehörte bald dazu. Als Babysitter und Bezugsperson war ich bald ein Teil der Familie. Trotzdem wurde durch die Belanglosigkeit der Themen die Distanz gewahrt.

Mir fiel- zur Freude meiner Feldforschung- auf, dass das Unternehmen Mobilion einen großen Bereich der Gesprächsthemen einnahm, und dass beide Wohnungen voll waren von Mobilion-Werbeartikel. Über die Tätigkeit selbst im Unternehmen wurde nicht gesprochen, aber versteckt unter anderen Themen war es präsent. Ingrid verbrachte Wochenenden mit Kollegen, Lisa und Christian Abende bei einer Einladung zum Essen durch den Chef und Christian war bei Meetings oder Fortbildungen.

Durch die Art und Weise wie über das Unternehmen geredet wurde, von allen Personen die ich in diesem Zusammenhang beobachtete, gewann ich den Eindruck, dass eine starke Bindung zwischen Arbeitplatz und Arbeitnehmer bestand. Die Produkte wurden immer hoch gelobt und angekündigt. Inhalte von Mobilion wurden auf sich bezogen- beispielsweise wurde mir die neue Persönlichkeitstrainingsformen des Unternehmens nahe gelegt. Wenn vom Unternehmen die Rede war, wurde in der WIR- Form gesprochen, wenn sie von der Architektur der neuen Mobilion Zentrale erzählten, erzählten sie vom Architekten oder von den gewonnenen Preisen und nur in Nebensätzen wurde erwähnt, dass es in der Praxis ungünstig zu benutzen war. Mir fielen die Personifikation der Firma und die Loyalität zur Firma auf.

Es gab ein wahres Netzwerk unter den Mitarbeitern, über Handytelefonie, SMS oder email wurden in kürzester Zeit viele Leute informiert, und es war wichtig selbst informiert zu sein. Ich beobachtete, dass alle recht ähnlich mit Konflikten umgingen, was laut Erzählungen auf Weiterbildungen zu Konfliktmanagement des Unternehmens zurückzuführen war. Allgemein wurden von der Firma viele Weiterbildungen im Persönlichkeitsbereich, im Konfliktmanagement oder Rhetorikseminare angeboten. Gewisse Verhaltensnormen kristallisierten sich unter den Mitarbeitern heraus. Beispielsweise schien mir die Art wie sie mich auf der einen Seite freundlich aufnahmen und auf der anderen Seite die Distanz wahrten recht typisch zu sein, auch im Umgang untereinander.

Ein bisschen etwas von der Kommunikation bei Mobilion habe ich in der kurzen Zeit (ca. 4 Monate) meines bisherigen Mitlebens mitbekommen. Mir ist bewusst, dass es sich hier um eine sehr kleine, nicht repräsentative Stichprobe handelt. Die Übereinstimmungen sind Merkmale, die sich einfach unter Freundinnen abspielen können. Ich hatte aber den Eindruck, dass das auch ein Merkmal für das Unternehmen war. Mobilion ist wie ein Grätzel (Kietz). Die Angestellten sind relativ jung- Durchschnittsalter 28- es steht eine große Anzahl an Angestellten zur Verfügung und so finden sich immer Personen, die sympathisch sind. Diese Möglichkeit bindet die Angestellten an die Firma. Auch in die Art der Kommunikation konnte ich über das miteinander Leben einen Einblick gewinnen. Für mich war es eine Mischung aus konservativen und modernen Strukturen des Unternehmens, die sich auch im persönlichen Bereich der Personen weiter zogen. In den mir bekannten Fällen gingen die Frauen in Karenz, und mir ist auch von Berichten her kein Fall bekannt, in dem der Mann die Kinder übernahm. Die Männer sind die besser verdienenden und mir wurde berichtet, dass Frauen in den Führungspositionen die Ausnahme sind. Sie haben anscheinend wenige Aufstiegsmöglichkeiten, durch den hierarchischen Aufbau der Firma. Es ist ungünstig und bringt zwischenmenschliche Probleme mit sich wenn die Ehepartner in der Hierarchieebene zu nah beieinander arbeiten. Oft werden beide Partner einer Beziehung angestellt (ich weiß aus Erzählungen auch über weitere Paare bescheid) und so ein Bezug der Arbeitnehmer zu dem Unternehmen hergestellt und eine gewisse Kontrollfunktion über die Familie ausgeübt wird. Ich hatte den Eindruck, dass durch den Bezug zur Firma, das Kennen der Arbeitskollegen oder des Arbeitsplatzes Aktivitäten, die außerhalb der regulären Arbeitszeiten fielen von beiden Partnern gut toleriert wurde. Auch das große Angebot an Weiterbildungen, Training oder einfach bezahlte Abendessen fördert das gute Verhältnis zwischen Firma und Arbeitnehmer.

Ich hatte für mich den Eindruck recht viel in Erfahrung bringen zu können. Ich war anfangs nicht darauf eingestellt so viel intensive Zeit mit den Familien zu verbringen und das kam für mich überraschend aber im Umgang mit Menschen muss man sich auf das Gegenüber einlassen. Diese Aufnahme in das Netzwerk sehe ich als eine weitere Verhaltensform an die den Mobilion-Mitarbeitern zugrunde liegt. Für mich hat diese Feldforschung hier noch kein Ende gefunden, da ich als Babysitterin den Familien treu bleibe und noch- wenn es meine Zeit zulässt- innerhalb des Netzes weitergereicht werde.


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Lydia Kogler studiert Psychologie an der Universität Wien. Ihr Feldbericht entstand im Rahmen des Proseminars für Allgemeine Psychologie (Hampl) im WS05/06.
 

 

 

 
 

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