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Monday, 06 September 2010
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Interview: Warum Kulturpsychologie? PDF Print E-mail
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Elisabeth Übelmann von der Basisgruppe der kritischen PsychologieStudentInnen (krips) führte ein Interview mit Stefan Hampl, dem Leiter des Instituts für Kulturpsychologie und qualitative Sozialforschung (ikus) in Wien.


Elisabeth Übelmann: Wie bist Du zur Psychologie gekommen?
Stefan Hampl: Zur Psychologie kam ich ursprünglich über mein Wirtschaftsstudium. Mit der Zeit fiel mir immer stärker auf, wie stark wirtschaftliches Handeln von psychologischen Faktoren abhängig ist – etwa von Erwartungen, Motivationen, Vertrauen, etc. Da schien es mir viel versprechend mich auch eingehender mit Psychologie auseinanderzusetzen.


: Was bedeutet für Dich Psychologie?
SH: Psychologie ist für mich zum einen eine empirisch fundierte Wissenschaft, in der es um aufmerksames Beobachten, waches Zuhören und qualifizierte Interventionen geht. Zugleich ist sie aber auch ein Handwerk, weil man in der persönlichen Arbeit mit Menschen als ganze Person gefordert ist. Schließlich ist sie eine Kunst, weil man Menschen hilft bestehende Lebens- und Wahrnehmungswelten zu entflechten und in neue Gestalten zu verwandeln.

: Was bedeutet für Dich nicht Psychologie?
SH: …das vorschnelle Klassifizieren von menschlichem Verhalten, ohne ein fundiertes Verständnis ihrer Lebensumstände. Außerdem ist Psychologie für mich keine reine Schreibtischdisziplin. Durch unsere heutige Technik bedingt, besteht immer mehr die Tendenz psychologische Verfahren am oder vom Computer durchführen zu lassen. Da stellt sich die Frage, ob das erwartete Mehr an „Objektivität“ und „Effizienz“ nicht teuer durch zunehmende Distanz zu gerade den Menschen erkauft wird, denen man ja eigentlich näher kommen will.

: Wie bist Du auf Kulturpsychologie gestoßen?
SH: Zur Kulturpsychologie kam ich durch Prof. Slunecko, der schon seit vielen Jahren an der Fakultät für Psychologie der Universität Wien forscht und lehrt. Er ist einer der ganz großen kulturpsychologischen Vordenker und Mentoren dort. Durch ihn habe ich gelernt, was Psychologie alles sein kann und was man damit überhaupt alles machen kann, wenn man die Angst ablegt eingefahrene Pfade zu verlassen.

:Was genau ist Kulturpsychologie?
SH: In der Kulturpsychologie erweitert sich der Blick vom kontextuell isolierten Subjekt auf einen Menschen, der in Atmosphären lebt; und das ist eigentlich der Normalzustand! In diesem Sinne kann Kultur nämlich gut mit der Luft verglichen werden, die wir ständig einatmen und wieder ausatmen. Wir nehmen etwas von ihr in uns auf und geben etwas in sie ab – verändern uns also wechselseitig. Im Alltag ist uns Luft so selbstverständlich, dass wir sie gar nicht bemerken; jedoch ohne sie könnten wir gar nicht überleben. Also Gegenfrage: Warum den Menschen ohne Kultur untersuchen, wenn es ihn ohne sie gar nicht gäbe?

: Kannst Du etwas über den Inhalt Deiner Dissertation erzählen?
SH: Meine Dissertation ist eine empirische Untersuchung der deutschen TV-Show „Istanbul Total“, die 2004 zum Song Contest direkt aus der Türkei gesendet wurde. Das Programm erhielt damals sowohl von deutscher als auch türkischer Seite sehr hohe Anerkennung in punkto Völkerverständigung. Ich möchte der Sache empirisch auf den Zahn fühlen und rekonstruiere in meiner Arbeit, wie deutsche und türkische Kultureigenschaften in dieser Sendung aufgebaut, entwickelt und fixiert werden. Ich benutze dazu eine neue Analysemethode für Film und Video, die aktuell in unserer internationalen scientific community entwickelt wird (Link: www.moviscript.at.vu).

: Die Methode hinter Deiner Arbeit ist die Rekonstruktive Sozialforschung? Was ist das?
SH: Menschliche Hervorbringungen wie Sprache, Medien, Sozialstrukturen, Bewusstsein, etc. werden dabei als „Kulturdokumente“ aufgefasst. Der damit verbundene Zugang wird deshalb „Dokumentarische Methode“ genannt und ist eigentlich ein archäologischer oder detektivischer. Ich veranschauliche das immer gerne mit der TV-Sendung Columbo. Jede Folge beginnt mit dem Auftreten des Inspektors am Tatort. Darin sind bereits sämtliche Informationen enthalten, die er zur Lösung des Falles benötigt. Kultur ist also ein Puzzlespiel und die Rekonstruktive Sozialforschung ist eine Vorgangsweise die Teile bzw. Artefakte, nach ihren jeweiligen Eigengesetzlichkeiten, zu einem Gesamtbild zusammenzusetzen.

: In den vergangenen Jahren hast Du im ersten Studienabschnitt im Bereich Allgemeine Psychologie einen kulturpsychologischen Schwerpunkt angeboten. Was ist "Doing Culture"? Worum ging es in Deinem Seminar?
SH: „Doing Culture“ ist aus der Zusammenarbeit mit den Studierenden meines ersten Proseminars im WS05/06 entstanden. Die Grundidee war Psychologie aus dem Hörsaal in den öffentlichen Raum zu bringen. Kulturen sind eben nichts Abstraktes, sondern etwas woran wir alle persönlich teilhaben und was wir auch mitgestalten können. So gab es bisher vier Austauschprojekte mit der Ukraine, regelmäßige Semester-Kick-Offs, ein semesterübergreifendes Mentoring-Programm, etc., etc. Im Proseminar unterrichte ich die Studierenden in kulturpsychologischem Denken und rekonstruktiver Methodik. Bezüglich ihrer Untersuchungsthemen lasse ich ihnen fast völlig freie Hand. Ich bin selbst oft begeistert mit welch spannenden und kreativen Projekten die Studierenden dann ankommen! Eine Auswahl der besten Arbeiten präsentierten meine Studierenden kürzlich auf einer internationalen Konferenz in Lemberg. Ihre Vorträge waren auf so hohem Niveau, dass die anwesenden Professoren sie für DiplomandInnen hielten – dabei waren die KollegInnen gerade erst in ihrem 2. Studienjahr! Mich hat das natürlich am meisten gefreut. Für einen Lehrenden gibt es kein größeres Geschenk als den Erfolg seiner Studierenden.

: Mit liegen zwei Berichte über die Begegnung österreichischer mit Lemberger Studierenden vor, die Du organisiert hast. Warum ist Dir dieser Austausch wichtig?
SH: Dieser Austausch liegt mir aus vielen Gründen am Herzen, aber im Kern geht es um das Überschreiten künstlich geschaffener Grenzen. Nicht viel weiter entfernt als Vorarlberg leben in der Ukraine Leute, die ihr Land noch nie verlassen haben. Warum? Nicht weil das Geld fehlen würde, sondern weil sie kein Visum bekommen. Dem gegenüber reicht Österreichern zwar für die Ukraine ein gültiger Reisepass, aber niemand fährt hin, obwohl Ukrainisch-Galizien noch vor 90 Jahren zur Monarchie gehört hat. Grenzen existieren somit sowohl real als auch im Kopf. Hier ist kulturpsychologisches Engagement gefordert um neue Formen der Begegnung zu ermöglichen – trotz struktureller Hürden und trotz mangelnder finanzieller Unterstützung. Bisher waren es immerhin an die 100 österreichische und ukrainische Studierende, die sich persönlich kennen lernen und miteinander Erfahrungen machen konnten; die füreinander Interesse entwickeln konnten, nachdem die vermeintliche Grenze überschritten war. Es bedarf also manchmal nur eines kleinen Schritts, aber um den Schritt geht es eben. Das ist die Message, die ich meinen Studierenden vermitteln will.

: Die vergangenen Wochen warst Du wieder in der Ukraine. Was hast Du dort gemacht?
SH: Während 6 Wochen war ich beim Therapieprogramm Dolphinswim in Jalta für die psychologische Begleitung von Eltern behinderter Kinder zuständig. Auch Familien haben ja schließlich eine eigene Kultur. In meiner Freizeit hab ich mir die Alltagsseite des Lebens auf der Krim angesehen und auch mein Russisch und Ukrainisch etwas aufpoliert. Schließlich war ich dann noch über eine Woche lang in Lemberg um Freunde zu treffen und Unikontakte zu pflegen.

: Wer und was steckt hinter dem Institut für Kulturpsychologie und qualitative Sozialforschung?
SH: Dahinter stecken insgesamt 21 AbsolventInnen der Psychologie und verwandter Disziplinen, Studierende, Jungunternehmer und Professoren. Das gemeinsame Ziel ist es der Kulturpsychologie und qualitativen Sozialforschung in Wien ein Zuhause zu geben. Der Wille zur Gründung ist mit der Community langsam gewachsen. Damit verkörpert das Institut paradigmatisch, wovon wir Kulturpsychologen wissenschaftlich ausgehen: Kulturen entstehen nicht im Kopf, sondern durch gemeinsame Erfahrungen.

: Was empfiehlst Du einem jungen Menschen, der sich für Kulturpsychologie interessiert? Gibt es Interessante Bücher, Texte, Internetseiten?
SH: Literatur- und Veranstaltungshinweise, interessante Seminararbeiten, Workshops, Artikel etc. findet man auf www.doingculture.com. Mein Tipp zum Einstieg: Nora Ruck – „Die verschiedenen Kulturpsychologien“ (link)

Ausgewählte Bücher zur Kulturpsychologie:
• Slunecko, Thomas (2002): Von der Konstruktion zur Dynamischen Konstitution
• Cole, Michael (1998): Cultural Psychology. A Once and Future Discipline
• Vygotskij, Lev (1978): Mind in Society: Development of Higher Psychological Processes

Ausgewählte Bücher zur Rekonstruktiven Sozialforschung:
• Bohnsack, Ralf (2006): Rekonstruktive Sozialforschung. Einführung in qualitativen Methoden
• Przyborski, Aglaja (2004): Gesprächsanalyse und dokumentarische Methode
• Nohl, Arnd-Michael (2006): Interview und dokumentarische Methode. Anleitungen für die Forschungspraxis (Qualitative Sozialforschung)


MMag. Stefan Hampl (
zur Person)

• Leiter des Instituts für Kulturpsychologie und qualitative Sozialforschung (ikus)

• Studiengangskoordinator und Lehrbeauftragter für Psychologie
an der Sigmund Freud PrivatUniversität

• Lehrbeauftragter für Kulturpsychologie an der Fakultät für Psychologie der Universität Wien


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Doing Culture ist eine Initiative des
Instituts für Kulturpsychologie und qualitative Sozialforschung